Tatjana Vall

new gravvvvity

21 11 2025 – 16 01 2026

senTIME(n)tal

 

In Tatjana Valls erster Einzelausstellung in der Galerie BRITTA RETTBERG befasst sich die in München und Berlin lebende Künstlerin mit der Fotografie sowie mit den ihr inhärenten Produktions- und Wahrnehmungsversprechungen von Erinnerung und Zeit. Die gezeigten Werke lassen verschiedene Zeitdimensionen überschneiden, in denen sich technologiebedingte Unsicherheiten und Potenziale der Gegenwart ebenso wiederfinden wie historische Fragestellungen zum technischen Auge. Das Experimentieren mit fotografischen Möglichkeiten sowie die optischen Instrumente und technischen Apparate, die unser Leben strukturieren, werden hier zu Untersuchungsgegenständen – und zur Methode zugleich.

 

Mehrschichtige Pigmentdrucke auf Aluminiumplatten zitieren die Materialität der Daguerreotypie, jenes frühen Fotografieverfahrens des 19. Jahrhunderts, bei dem sich Licht direkt in Metall einschreibt. Doch in Valls digitalen Bildproduktionen werden die Oberflächen nicht einmalig vom Licht beschrieben – vielmehr simuliert die Digitalität dessen Spur. Die Basis der Werke sind Motive, die aus gefundenen Bildern generiert und anschließend händisch bearbeitet werden. Angedeutete Unterwasserwelten („past tense“), Naturphänomene („brainwave dreampattern“), Schatten erfundener Apparate („gray dog (vibrant)“) oder Wissenssammlungen („future tense“) reizen dabei die etablierten Erwartungen an fotografische Bildgebungsverfahren. Zugleich versinnbildlichen sie den progressiven, oft quasi-wissenschaftlichen Drang der Fotografie, immer wieder neue Techniken auszutesten. Eine Aneignung durch Nachahmung, die Vall in ihrem Werk konsequent verfolgt.

 

„new gravvvvity“ lautet der Titel der Ausstellung und ist in seinen Wiederholungen und intendierten Glitches Programm: Die Interferenzen in diesen Arbeiten – Doppelbelichtungen, Überblendungen, Stempelmuster, Unregelmäßigkeiten und Unschärfen fragen weniger danach, was ein Bild abbildet, sondern vielmehr was ein Bild erzeugt – wie es lädt, gerendert oder gedruckt wird. Die Werke sind nicht Zeuginnen von etwas, das „gewesen ist“ (wie Roland Barthes behauptete); Zeit manifestiert sich im Bildverfahren – als Konstrukt zwischen subjektivem Erleben und technischer Produktion. Viele der Werke sind in Aluminiumprofile gefasst, den standardisierten Systembauteilen, die als industrielle Normteile erkennbar bleiben – und in der Ausstellung dennoch als Rahmung, als Ornament, als raumbesetzende Struktur funktionieren. Diese Simultaneität von Offenlegung und Auratisierung durchzieht die gesamte Arbeitsweise der Künstlerin. So auch die modularen Skulpturen „vvvvertigo“, „ssssensitivity“ und „blind eye (gray star)“; sie imitieren optische Effekte und greifen die Rolle von Lehrobjekten in ihrer demonstrativen Funktion auf.

In den „capsule“-Arbeiten wiederum nutzt Vall gefundene Fotografien aus einem Second-Hand-Laden in Williamsburg, die sie sampelt, seziert und neu inszeniert. Private Aufnahmen ohne Kontext, deren Welten wir aus Lücken imaginieren, ergänzen und projizieren. Lupensteine vergrößern und fokussieren Bildausschnitte, während sie diese gleichzeitig verzerren und den umgebenden Raum zurückwerfen. In „The Miracle of Analogy: or, The History of Photography“ (2015) schreibt Kaja Silverman, dass „die Wahrheit der Fotografie offenlegend, nicht beweisend“  sei – Fotografie macht nicht sichtbar, was war, sondern sei vielmehr „Entwicklung, anstelle von Fixierung“. Die Bilder sind Erinnerungsstücke einer fiktiven Vergangenheit, die Vall zufolge „grammatikalisch im Futur II liegen“ – halbierte satirische Wahrsagekugeln, die etwas offenbaren, das die Fotografie erst hervorgebracht haben wird.

 

In einer Zeit, in der Deepfake-Verfahren, KI-Generierung und Bildmanipulationen die Grenzen zwischen „authentischem“ und generiertem Bild verwischen, werden Tatjana Valls Werke zu einem poetischen Anschlag auf das Reale. Die Ausstellung befragt unsere Positionierung zwischen der Unüberschaubarkeit apparategestützter Bildproduktion und der nostalgischen Sehnsucht nach Echtheit, die wir Bildern zusprechen. „new gravvvvity“ legt offen, dass wir ohnehin immer schon imaginieren, ergänzen, generieren – zwischen dem Es-ist-so-gewesen und dem, Was-gewesen-sein-wird.

Overview

Ausstellungsansichten

Werke

Tatjana Vall

past tense, 2025

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Tatjana Vall

futur tense, 2025

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Tatjana Vall

desert day on a motorcycle, 2025

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Tatjana Vall

brainwave dreampattern, 2025

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Tatjana Vall

savoy, 2025

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Tatjana Vall

sleeping dragon, 2025

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Tatjana Vall

imagine, 2025

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Tatjana Vall

gray dog (vibrant), 2025

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Tatjana Vall

capsule no.2, 2025

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Tatjana Vall

capsule no.3, 2025

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Tatjana Vall

capsule no.5, 2025

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Tatjana Vall

capsule no.6, 2025

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Tatjana Vall

vvvvertigo, 2025

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Tatjana Vall

blind eye (gray star), 2025

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Tatjana Vall

ssssensitivity, 2025

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