Anastasia Sosunova

Jubilee

11 09 2021 – 22 10 2021

Anlässlich ihrer ersten Einzelausstellung in München präsentiert die litauische Künstlerin Anastasia Sosunova eine vielschichtige Installation, die Skulptur, Video, Vinyl und Holzschnitt vereint, mit dem Ziel Akte der Weltgestaltung zu erforschen und die Struktur hinter kollektiven Idealen und deren Verbreitung kritisch zu durchdringen.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer anhaltenden Faszination der Künstlerin für reale und fiktive Geschichten utopischer sozialistischer Gemeinschaften in Osteuropa und der Frage, wie diese in Bezug auf die heutigen politischen Kämpfe in diesen Gebieten, insbesondere in Litauen, neu kontextualisiert und verstanden werden können. Die Ausstellung stützt sich auf zwei literarische Hauptwerke: den stark zensierten Roman „Chevengur“ des sowjetrussischen Schriftstellers Andrei Platonov und die jüngere Kurzgeschichte „2017 – A Year of Anniversary“ der litauischen Künstlerin Agnė Jokšė. Ersterer, der 1928 fertiggestellt, aber erst 1988 veröffentlicht wurde, spielt in einer imaginären Stadt, die von glühenden Anhängern der kommunistischen Revolution bewohnt wird, die nach und nach einen vermeintlich realisierten Ort des Kommunismus und der Nichtarbeit in ein elendes und zweifelhaftes Dorf verwandeln. Letztere erzählt die Geschichte einer mittlerweile hundertjährigen sozialistischen nicht-binären Gemeinschaft, die einige Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution in den Wäldern Litauens angesiedelt ist und aus der die Hauptfigur verbannt wird und allein gelassen, um im Wald zu überleben. Ausgehend von der tiefgreifenden Ambivalenz beider literarischer Werke sowie deren direkte Verbindung zur Oktoberrevolution und der anschließenden Propagierung neuer Ideale, präsentiert Sosunova verschiedene Umgebungen, die sich in den Galerie-Räumen und ihren Grenzbereichen entfalten: ein Vergnügungspark, wo den (fremden) Betrachter:innen die lokalen Bräuche einer imaginären Siedlung vorgeführt werden; ein Abschiedsessen für ein verbanntes Mitglied der Gemeinschaft; und einige periphere Anhäufungen für ein einfaches Überleben am Rande der Gesellschaft. Die Arbeiten erscheinen theatralisch inszeniert und werden sowohl zur Kulisse für eine imaginäre nicht-binäre und Post-Work-Gesellschaft, als auch visuelle Eckpfeiler für eine Welt mit besseren Werten, und präsentieren Einblicke, die außerhalb davon liegen – seien es die der Betrachter:innen oder des imaginären Exilmitglieds der Gemeinschaft.

 

Beim Betreten des ersten Raumes erscheinen riesige Werbebanner als marmorierte Landschaft, in der die Besucher:innen posieren und die Bräuche der gefeierten Gemeinschaft verkörpern können, während in dem angrenzenden Raum bauschig-weicher Beton präsentiert wird, der als Nest für ein kurzes Video dient, das Einblicke in die lokalen Bräuche bietet. Radierungen und Holzschnitte auf hellem Papier zeigen eine vielfältige Mischung von Symbolen, die sich sowohl auf kommunistische Propaganda als auch auf postapokalyptische Visionen beziehen, die das Ende der Welt und den Beginn einer neuen feiern. Eine wiederkehrende Figur in der Ausstellung ist die des Handwerkers, der als Symbol für weltgestaltende Arbeit vorgeschlagen wird und somit ein anhaltendes Gefühl der Hoffnung auf eine Zukunft offenbart, die aus konstruktiven Handlungen der Re-Imagination besteht. Widerstandskraft belebt Büschel, Blätter und Sträuße aus Metallabfällen, die vereinzelt in den Räumen wachsen und einen gewundenen Pfad säumen, der von Skulpturen aus gefundenen Materialien bevölkert wird, die an Objekte des Überlebens erinnern. In einem Raum stößt der Betrachter beispielsweise auf eine Schlafsack-Jacke, die mit geschmuggelten, von der christlich-orthodoxen Ikonographie inspirierten Bildern bestickt ist und neben gestapelten Holzscheiten liegt, die eine Videoarbeit enthüllen. In dieser taucht immer wieder ein Vogel auf, der unermüdlich versucht, aus einem Raum zu entkommen, in dem er gefangen gehalten wird. Die Fenster sind geschlossen, es gibt einen Wassertank (ein weiterer Käfig?), goldene Krallen kratzen an einer Oberfläche und dann ein Bagger, der Stapel von Schrott einsammelt. Trotz der Abwesenheit von Sound – wenn man sich einen dazu vorstellen würde, dann wäre er schrill; und ein Gedicht, das die Bilder überlagert, fragt: “ Wie können wir all diesen weggeworfenen Überfluss wiederverwenden“ – “ wir werden es herausfinden”. Ein ähnliches Muster erscheint im letzten Raum der Galerie, wo ein metallisches Tischtuch den Esstisch für eine Abschiedsfeier bedeckt. Das Hauptgericht ist eine weitere Videoarbeit, die politisch aufgeladene Bilder von jüngsten extremistischen Erscheinungen in Litauen inmitten friedlicher Sonnenuntergänge und Karnevalsumzüge zeigt. Dieses Mal stellt das Gedicht, das die Bilder des Videos überlagert, persönliche und politische Fragen über das aktuelle kollektive Bedürfnis nach radikalem Wandel.

 

Durch den Einsatz von Propagandamitteln wie Flugblättern, die eindringliche Wiederholung von Slogans, Werbung und andere Formen der Unterhaltung und mit Anleihen bei der politisch aufgeladenen litauischen Bildsprache des 20. Jahrhunderts sowie der eschatologischen Ikonografie bemüht sich Sosunova, Zukunftsvisionen zu überdenken und gleichzeitig potenzielle totalitäre Herausforderungen aufzuzeigen, die mit der Verbreitung eines neuen kollektiven Denkens unweigerlich einhergehen. In der Ausstellung koexistieren scheinbar gegensätzliche Interpretationen, indem sie sowohl eine utopische Gesellschaft präsentiert als auch jemanden, der außerhalb dieser Gesellschaft lebt, binäres Denken überwindet und neue Bildsprachen erfindet, die aus verschiedenen Perspektiven stammen. Die Koexistenz von wiederverwendeten industriellen Materialien und traditionellen Handwerkstechniken offenbart gleichzeitig die Eigenschaften einer kapitalistischen Landschaft, die in der Regel nach einer Saison entsorgt wird, die Freude an der Neuerfindung und Wiederbelebung und die potenzielle Künstlichkeit von etwas, an das man zwar glaubt, das man aber nicht wirklich in Frage stellt. Der Ansatz der Wiederverwendung taucht auch in den Videoarbeiten auf, die Material aus den persönlichen Archiven der Künstlerin von ihrem Telefon und ihrer Kamerarolle versammeln und eine persönliche und intime Dimension einer breiteren kollektiven gegenüberstellen, die aus Träumen über revolutionäre Veränderungen und Ängsten vor denselben besteht. Die Gedichte, die die Filme begleiten, erzählen von Revolution und Zusammengehörigkeit und erforschen Ideen rund um die Politik einer Gemeinschaft, indem sie die beiden Haupttexte zitieren, auf die sich Sosunova in der Ausstellung bezieht, sowie andere Autoren – von Toni Morrison bis Jean-Luc Nancy, Maurice Blanchot oder Jack Halberstam, um nur einige zu nennen. Indem sie alles in der Ausstellung handgefertigt, geformt, gegossen, bemalt, bedruckt und geschnitzt hat, drückt Sosunova ihren Glauben an das Handwerk und an eine persönliche Verbindung mit dem Produktionsprozess als Mittel zur Aktivierung von Post-Work Ideen und zur Überwindung von Entfremdung aus.

 

Die Show hat eine karnevaleske Grundstimmung, die das magische Potenzial der Erschaffung von Welten durch Evokation, Verkörperung und Irreführung erforscht, die als ästhetische Strategie verwendet wird, um sich widersprüchliche Situationen vorzustellen, die die Komplexität des Lebens offenbaren. In seinem jüngsten Buch „Wild Things, The Disorder of Desire“ (2020) erklärt Jack Halberstam, dass der Begriff der Irreführung aus vorkolonialen Vorstellungen von Raum, Orientierung und Navigation stammt und sich auf das Gefühl bezieht, sich zu verirren oder außerhalb eines Wissenssystems zu stehen. Es ist bezeichnend, dass das Gefühl des Verirrens oft mit Wäldern assoziiert wird, die selbst kein neutraler Raum sind, da sie gleichermaßen bezaubernd und erschreckend sind, und die auch als Hauptschauplatz der Ausstellung und der Geschichten, auf die sie sich bezieht, erscheinen. Vielleicht kann ein solcher Begriff den Kern von Sosunovas immersiven Installationen umschreiben, in denen es darum geht, neugierig zu beobachten, wie Gemeinschaften und Identitäten entstehen, fortbestehen und sich auflösen, während sie eine Mischung aus erkenntnistheoretischen Systemen vorschlagen, die im Schatten derer existieren, die als bedeutsam gelten. Das Zusammenfügen aller Elemente, die die Ausstellung bevölkern, wird für die Betrachter:innen zu einer rätselhaften Herausforderung, die eher zahlreiche Fragen aufwirft als sich auf einzelne Lösungen zu beschränken. Aber es gibt keinen Grund zur Sorge; wie der Titel andeutet, ist die Ausstellung ein Jubiläum, eine Einladung zu einer wilden Feier, ein Übergangsritus zu einer neuen Realität, während die alte betrauert und die Ungewissheit des Unbekannten gefürchtet wird. In einer Zeit, in der es dringend notwendig ist, die Welt neu zu erfinden, ist diese Ausstellung eine Metapher für Weltgestaltung selbst, mit Blick auf einen Ort der fließenden Emanzipation, Queerness und Komplexität.

 

Um Anastasia Sosunova und aus ihren Videoarbeiten zu zitieren:

the worst time

the best time

spread the word

every day is my jubilee

 

Caterina Avataneo ist eine unabhängige Kuratorin, die zwischen London und Turin lebt.

Overview
Press
Credits

Caterina Avataneo (Ausstellungstext)

Dirk Tacke (Fotografie)

Ausstellungsansichten

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Videodokumentation von Henri Nunn

Werke

Anastasia Sosunova

The Carnival Backdrop, 2021

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Anastasia Sosunova

Angels, 2021

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Anastasia Sosunova

Trumpets, 2021

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Anastasia Sosunova

Idle days, 2021

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Anastasia Sosunova

Monument for a world-builder, 2021

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Anastasia Sosunova

Shedding trail, 2021

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Anastasia Sosunova

Second blooming, 2021

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Anastasia Sosunova

The children of the revolution are always ungrateful, and the revolution must be grateful that it is so, 2021

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Anastasia Sosunova

Doomsday, 2021

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Anastasia Sosunova

Sun-mother giving to devour a book quoting Gury Nikitin, 2021

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Anastasia Sosunova

Labour journal, 2021

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Anastasia Sosunova

Last dinners, 2021

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Anastasia Sosunova

Heartbreaks, 2021

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The exhibition is supported by