Lena von Goedeke

Static

24 10 2020 – 19 12 2020

Treten wir einen Schritt zurück vom alltäglichen Lauf der Dinge und versuchen, die verstreichende Zeit zu erfahren und ihr eine Befindlichkeit oder Bedeutung abzuringen, sehen wir uns immer weniger im Fluss der Zeit treibend als vielmehr in einem komplexen Netz aus Zeitordnungen gefangen. Diese sind physisch, sozial, kulturell und zunehmend auch technisch, medial und digital. Die Suche nach der eigenen Zeit als Verortung zwischen heterogenen Zeitregimen hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie und besonders während des Lockdowns im Frühling ungemein an Virulenz gewonnen. Lena von Goedeke verwandelt für ihre Einzelausstellung die Räume der Galerie in eine Art künstliche Wohnsituation, in der sie ihr inneres Zeitempfinden in installativen Werken sinnlich erfahrbar macht.

 

Der Ausstellungstitel Static verweist weniger auf einen in sich ruhenden, festen Stand als vielmehr auf eine Regungslosigkeit und einen Stillstand. Er ist der Gegenbegriff zur Beschleunigung, mit der seit Beginn des 20. Jahrhunderts die moderne Gesellschaft und ihr Fortschritt bestimmt wurde. Als Folge der immer weiter ansteigenden informationstechnischen Beschleunigung prophezeite der französische Philosoph und Medientheoretiker Paul Virilio vor genau dreißig Jahren einen rasenden Stillstand. Der Lockdown dieses Jahres kann als seine Realisierung gesehen werden: Virtuell sind alle Zeiten und Räume verfügbar, doch physisch geraten wir in eine Regungslosigkeit. Diese enorme Spannung übersetzt von Goedeke in eine besondere Materialästhetik. In ihrer Arbeit At the tone the time will be bringt sie die sich unentwegt aktualisierende Auskunft der Zeitansage in einer Zeitung aus Beton zum Erliegen. Die Absurdität, eine sich nur in der Gegenwart als sinnvoll erweisende Information im Druck zu fixieren, übersteigt von Goedeke nochmals durch den Guss in massivem Beton. Informationsgeschwindigkeit, Informationsmedium und materieller Träger kommen auf spannungsvolle Weise zusammen und bringen die Paradoxie zum Ausdruck, in der physischen Entschleunigung die digitale Beschleunigung bewältigen zu können.
Diesen Aspekt der zeitlichen Verortung greift auch Transmission auf, eine aus 6 Handtüchern bestehende Installation im Verbindungsgang zwischen den Galerieräumen. In den weichen Stoff ist jeweils aus einem Newsticker der Inhalt eines halben Tages zu Beginn der Pandemie gestickt worden. In der textilen Aufbereitung kommt abermals der Informationsfluss zum Erliegen. Zudem greifen die weißen Handtücher die Hygiene-Imperative der Pandemie-Zeit auf.
Alles wird nur noch durch Schichten wahrgenommen, merkt von Goedeke an. Ob es nun die Schutzschicht der Desinfektion, der Maske oder der zusätzlichen Sicherheitsgläser für Smartphones ist, sie werden als Spielarten analoger und digitaler Filter in den Werken der Ausstellung thematisch und in ihrer Materialästhetik erfahrbar. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Haptik der Oberflächen ein. Während Beton und Frotteehandtuch eine unmittelbar greifbare sinnliche Erfahrung bieten, treten in unserem Alltag Phänomene zunehmend zurück hinter die glatte Oberfläche von Displays und werden zu digitalen Bildern.
In ihren Scherenschnitten setzt sich von Goedeke mit virtuellen Texturen auseinander, die aus dem digitalen Abtasten von Oberflächen wie etwa Fotos von Bergen entstehen. Im Papier oder den Filzdecken der Schnittarbeit This Summer überführt sie die digitale Transformation der Wirklichkeit zurück in eine unmittelbare Sinnlichkeit. Die an der Wand hängenden Filzdecken haben eine eigene Körperlichkeit; der Schattenwurf der Papierschnitte ergänzt die virtuelle Tiefe der 3D-Strukturen durch eine unmittelbare physische. Eine weitere Strategie, das Digitale erfahrbarer zu machen, ist die Störung des Datenflusses und seiner Umwandlung der reinen Signale in Bedeutungsgehalte. Durch weißes Rauschen als für unsere Sinne nutzlose digitale Information oder Glitch als fehlerhafte Datenübertragung lässt die Künstlerin in Form von Grafitzeichnungen die digitale Verfasstheit unserer Umgebung sichtbar werden. Erst in der Negativität, dem Verlust der Transparenz tritt das Digitale in seiner Eigenart hervor.
Zeit kann im Kontext der Ausstellung nicht mehr als Einheit verstanden werden, wie uns in unserer Sprache der Singular ‚die Zeit’ nahelegt. Unsere Gegenwart ist nicht mehr der reine Augenblick des Übergangs von Zukunft in Vergangenheit. Der Plural der Zeit ist von unterschiedlichen Maßeinheiten der Uhr, des Kalenders und der Algorithmen digitaler Medien geprägt. Grundsätzlich im Widerstreit zu Ordnungen der Skalierung steht hingegen unser inneres Zeitempfinden, das von Goedeke ins Zentrum ihrer Ausstellung rückt.
Unsere physische und psychische Eigenzeit sind qualitativ und lassen sich daher nicht quantitativ erfassen, wie der französische Philosoph Henri Bergson bereits Ende des 19. Jahrhunderts argumentierte. Die wahrgenommene Dauer widersetzt sich als reine Intensität allen Maßeinheiten naturwissenschaftlicher Zeitmodelle. Bergson entwickelte aus dem Konzept der Dauer eine Lebensphilosophie und wurde in einer Zeit zunehmender Verwissenschaftlichung und Technisierung zum meistgelesenen Philosophen. Die Spannung zwischen subjektivem Zeitempfinden und objektiver Zeitmessung hat seitdem nicht an Bedeutung verloren. Vielmehr ist sie über einhundert Jahre später durch die zunehmende Mediatisierung und Digitalisierung unseres Alltags nur noch stärker und auch komplexer geworden. Lena von Goedeke zeigt in ihren Arbeiten, wie sehr die rasende und fragmentierte Zeit digitaler Medien die Wahrnehmung einer völlig neuen und andersartigen Dauer häuslicher Isolation grundsätzlich geprägt hat. Der Guss in schwerem Beton und die feine Stickerei auf den Handtüchern nehmen der Information ihre technische Geschwindigkeit. Sie sind Ausdruck der Erfahrung intensiver Dauer. In der Ohnmacht, die Fusionen und Konfusionen unterschiedlicher Temporalitäten sprachlich zu vermitteln, ermöglichen die Arbeiten der Künstlerin eine ästhetische Erfahrung und einen sinnlichen Nachvollzug ihrer ganz eigenen Zeitwahrnehmung. Die Fotoserie A Long Now kann als ein Leitbild und Zugang zur Ausstellung gesehen werden. Auf den ersten Blick scheinen sie das Messen eines Zeitintervalls in einer Sanduhr wiederzugeben, doch bei genauerem Hinsehen fallen die unmöglichen Zustände auf. Die digitale Manipulation der versiegenden Zeit in der Sanduhr setzt sich über die Gesetze der Physik hinweg. Die Bilder sind die Präsentation einer gefühlten, und nicht die Repräsentation einer messbaren Zeit. Die Komplexität der Zeitempfindung kondensiert hier zu einer konkreteren Aussage: Die Zeit gibt es nicht. Sie muss einer Wahrnehmung sich widersprechender Zeitordnungen Platz machen. Es gilt dabei, sich in dieser Vielheit zu verorten, zu behaupten oder sich ihr gegenüber künstlerisch-ästhetisch zu verhalten.

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Credits

Dr. Till Julian Huss (Ausstellungstext)

 

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