Caro Jost

ALL IN ONE

11 11 2022 – 19 01 2023

Caro Jost – Handlungsauflagen

 

Sehr häufig geht Caro Jost in ihrem Werk der Vergangenheit von anderen nach. Die Archive bekannter Künstler:innen, Bilder ihrer Studios oder sogar ihre Materialrechnungen werden zu Objekten in Josts Arbeiten. Auch in ihrer andauernden Serie der Streetprints sind es Spuren des Gewesenen, eingeschrieben in öffentliche Orte, denen sie einen Körper verleiht. Randständige Geschichten und Erinnerungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie eignet sich Dinge an, die ephemer erscheinen, zumeist vielleicht auch sind, und verleiht dem Beiläufigen eine Körperhaftigkeit ohne nostalgisch zu sein oder verehrend. Es ist eher ihre Art des genauen Zuhörens und Hinsehens, das die Auseinandersetzung mit den Gegenständen prägt. So entstehen Konversationen, die Josts Reflektion enthalten, aber auch von der Widerständigkeit des Materials zeugen.

 

Vor ihrem Kunststudium in New York und München hat Caro Jost Jura studiert. Das Gesetz mit seinen Handlungsauflagen, die das soziale, gesellschaftliche und politische Leben gestalten, beschäftigen die Künstlerin bis heute. 2016 hat sie in ihrer performativen Installation „Panama Paperworks“ über 500 Zeichnungen auf originalen Gesetzblättern angefertigt, die ihr innerhalb des temporären Bürosettings auch als Tapete dienten. Die Zeichnungen gleichen dabei Annotationen, die durch Hervorhebungen und Streichungen die Lektüre und Interpretation der Künstlerin reflektieren. An einzelnen Stellen sind die Blätter mit ihrem Namen oder eigenen Begriffen gestempelt. Für eine Serie von Malereien hat Jost eine Auswahl mittels Screenprint auf Leinwand gedruckt, teils übermalt, beklebt und anschließend mit Epoxy übergossen.  So bleiben in einer der Arbeiten neben einzelnen Bruchstücken nur die Begriffe „Preisausschreiben“, „Gewinnzusagen“ und „Anzeigepflicht bei Ablehnung“ aus dem Gesetzestext bestehen. In Großbuchstaben steht gestempelt „NO VIP ROOM IN REAL LIFE“ auf der Arbeit. Es sind Widersprüche, die sich hier zusammenfügen: der verheißungsvolle Gewinn eines Preisausschreibens – eine All-Inclusive-Reise vielleicht – und das Regelwerk, das am Ende eine Ernüchterung mit sich bringt. In einer anderen Arbeit verwendet Jost ein Gesetzblatt zur Änderung von Familiennamen. Vieles ist ausgestrichen und die bedruckte Leinwand so auf ihrem Träger gestaucht, dass anderes in den Falten des Canvas verschwindet. Auf einem Stück Klebestreifen, der sich zentral über die Leinwand erstreckt, finden wir Josts eigene Handschrift: „Wer nach Las Vegas reist, fragt nicht nach dem Nachnamen“. Der Hinweis führt diesmal zu Josts eigener Vergangenheit und einer spontanen Heirat in Las Vegas vor vielen Jahren. Unten rechts steht auf der Arbeit in Großbuchstaben gestempelt „CARO JOST“. Die Beziehung ist längst aus, doch der Name als eine eigene Spur ist geblieben, hat sich eingeschrieben in Werk und Identität der Künstlerin.

 

Caro Jost agiert als Archivarin, die etwas festhält, es bewahrt, die einen Blick hat für die Belanglosigkeit, den Humor in kleinen Dingen, die Absurdität in anderen. In der Ausstellung bei Britta Rettberg steht neben der Serie der Gesetzesbilder eine Arbeit im Mittelpunkt, die bereits vor zehn Jahren entstanden ist. Es ist eine kompakte mittelgroße Leinwand, die mit einem schwarzen Klettband vollständig umwickelt ist. Das Klettband scheint dabei etwas schützend abzudecken und dieses Innere zusammenzuhalten. Es entstehen aber auch Assoziationen mit Enge, dem Gefühl gefesselt zu sein und dem Bedürfnis, das Klettband zu lösen. Jost zeigt die eigenständige Arbeit für die Ausstellung in einem installativen Setting, aufgebracht auf einer Fototapete: Caro am Strand. Die Ästhetiken der beiden Ebenen sind diametral entgegengesetzt. Ein Bild von einem Körper und ein Körper. Es sei die persönlichste Ausstellung, die sie je gemacht habe, sagt Jost im Gespräch. Es gehe ihr um den öffentlichen Druck, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen, oft auch gerade als Frau, und dem zu entspringen. Sie stellt mit der Konfrontation oder vielmehr Überlagerung die Frage: „Wo gebe ich mehr preis?“ Das Urlaubsbild am Strand ist es nicht. Aber das glatte Wandbild, an dessen Oberflächlichkeit alles abzugleiten scheint, steht für die Vorstellungen einer Optimierungsgesellschaft, wie ein Selbstbild aussehen soll, das wir teilen, in dem wir kommunizieren, wer wir sind. Dem setzt Jost mit ihrer Klett-Arbeit etwas entgegen, das hier nicht mehr anders als ein Selbstporträt oder eine eigene Zustandsbeschreibung interpretiert werden kann. Ein Zustand, der durch das Zeigen der Arbeiten vielleicht auch selbst zu einer Spur in der Vergangenheit geworden ist.

Overview
Credits

Text: Dr. Monika Bayer-Wermuth (Museum Brandhorst)

Ausstellungsansichten

Werke

Caro Jost

ZERO, 2022

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Caro Jost

All in One, 2012

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Caro Jost

MOVE TO LOVE, 2022

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Caro Jost

Finders of Love, 2022

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Caro Jost

ADMIRE, 2022

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Caro Jost

VIVA LAS VEGAS, 2022

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Caro Jost

WIRF!, 2022

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Caro Jost

ONE WORD, 2022

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Caro Jost

REAL DEAL, 2022

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Caro Jost

SPACE, 2017 + 2022

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Caro Jost

1000 %, 2022

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Caro Jost

JACKPOT, 2022

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Caro Jost

19. Oktober 2012 (One Night at Schumann's), 2022

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Caro Jost

DIAMOND MOVE I, 2022

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Caro Jost

Gewinnzusage, 2022

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Caro Jost

24. Oktober 2003 (One Night at Schumann's Maximilianstrasse 36), 2020

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Caro Jost

LOVED AND MOVED, 2022

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Caro Jost

Meine Frage ist die Antwort, 2022

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Caro Jost

Eigentum, 2022

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